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Der Wolf, die Ziege und das Zicklein Livre IV - Fable 15


Als einst die Ziege ging, zu füllen ihre Euter
und zu weiden frische Kräuter,
riegelte die Tür sie zu,
und zum Zicklein sprach sie: "Du,
öffne nur, bei deinem Leben,
dem, der dir zum Zeichen eben
und als Losungswort ruft zu:
"Pfui dem Wolf und seinesgleichen!"
Als sie sprach das Losungswort,
hat es im Vorüberschleichen
aufgeschnappt der Wolf sofort,
und er merkt sich's. Höchst gefährlich
war das, denn die Geiß hat, wie erklärlich,
nicht gesehn den Isegrim.

Kaum ist die Ziege fort, als mit verstellter Stimm',
ganz heuchlerisch im Ton der Alten
er Einlass fordernd ruft: "Dem Wolfe pfui!"
Schon meint er, drin zu sein im Hui.
Argwöhnisch aber guckt das Zicklein durch die Spalten:
"Die weiße Pfote zeig, sonst mach' ich nimmer auf!"
So ruft's. Bei Wölfen sind, die Leute schwören drauf,
nur selten weiße Pfoten vorgekommen.
Kaum hat, höchst überrascht, er dies vernommen,
als schnell zum Wald zurück er seine Schritte lenkt.
Wo wär' das Zicklein wohl, hätt' es Vertrau'n geschenkt
dem Losungswort, vom gier'gen Fresser
erlauscht durch blinden Zufall Spiel?

Doppelt sich vorsehn ist stets besser –
es gibt da niemals ein Zuviel.

ancre





W. Aractingy 92 x 73 cm, Mai 1994

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