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Die beiden Tauben Livre IX - Fable 2


Zwei Tauben liebten sich gar innig;
der einen ward's zu eng im Haus,
drum wollte töricht und unsinnig
sie reisen weit ins Land hinaus.
Die andre spricht: "Wie soll ich's fassen?
Willst einsam hier zurück mich lassen?
Ach, Scheiden ist das herbste Leid –
für dich, Grausame, nicht! Vielleicht, dass mit der Zeit
der Reise Mühn und Fährlichkeiten
ein Hemmnis deinen Mut bereiten.
Ja, wären wenigstens noch günstiger die Zeiten!
Wart mildre Luft ab. Wer treibt dich? Eben heut
hat Meister Rabe großes Unheil prophezeit.
Ich weiß, dass Unglück nur im Traum ich künftig schaue,
Raubvögel, Schlingen. Oh, wie's stürmt und gießt mit Wut.
Hast du wohl alles das, was not dir tut,
Nest, Speis' und was dich sonst erbaue?"
Wohl rührt der Rede tiefer Schmerz
der reiselust'gen Törin Herz;
doch tragen Neugier und unsteten Triebs Befehle
zuletzt den Sieg davon. Sie sagt: "O weine nicht;
drei Tage höchstens, dann hat Ruh' die liebe Seele.
Bald kehr ich wieder, in ausführlichem Bericht
will ich von allem Rede stehen:
so kürz' ich dir die Zeit. Wer gar nichts hat gesehen,
hat nichts zu sagen auch. Die Schildrung macht dir Spaß
und ein Vergnügen, auserlesen:
Dort war ich – sag' ich dir -, hier sah ich dies und das;
du meinst, du wärst dabei gewesen."

Drauf schieden weinend sie. Die Reisende zieht fort;
doch schon nach kurzer Zeit deckt eine Wolkenhaube
das öde Feld; sie sucht sich einen Zufluchtsort.
Ein einz'ger Baum war da, und trotz dem dichten Laube
peitscht ganz erbarmungslos der Sturm die arme Taube.
Als wieder klar die Luft, fliegt frosterstarrt sie auf,
trocknet, so gut es geht, ihr ganz durchnässt Gefieder,
sieht auf entlegnem Felde Korn, gestreut zu Hauf,
ein Täubchen dicht dabei; das gibt den Mut ihr wieder:
Hin fliegt sie – sitzt fest; das Korn verdeckt nur
der Schlinge trügerische Schnur.
Das Garn war abgenutzt, so dass nach vielem Drängen
mit Flügel, Schnabel, Fuß sie's endlich riss entzwei.
Sie ließ so manche Feder; und das Schlimmste war dabei,
dass jetzt ein Geier mit begier'gen Fängen
erspäht die Ärmste, der am Leibe hängen
des Garnes Fäden und Maschen wirr und kraus;
sie sieht wie ein entsprungner Sträfling aus.
Fast hat der Geier sie gepackt, da schießt hernieder
ein Adler aus der Höh' mit rauschendem Gefieder.
Die Taube nutzt geschickt der beiden Räuber Streit,
fliegt auf und fort und setzt sich hinter ein Gemäuer;
nun, glaubt sie, sei zu End' ihr Leid
mit diesem letzten Abenteuer.
Jugend hat Tugend nicht: Ein Knabe kam,
der unser Tier aufs Korn mit seiner Schleuder nahm
und ihr beinah den Tod gegeben.
Jetzt kehrt, ob dieser Neugier voller Scham,
am Flügel und am Fuße lahm,
hinkend und halb nur noch am Leben,
sie graden Wegs nach Haus zurück.
Sie kam ohn' andres Missgeschick
mit blauem Aug' davon noch eben.
Das neu vereinte Paar – man denk', mit welchem Preis
von Freuden es getilgt all den erlittnen Schaden!

Ihr, die ihr glücklich liebt, wollt reisen ihr? Dann sei's
zu nahgelegenen Gestaden.
Seid eine Welt für euch, die ewig schön und neu,
in stetem Wechsel fest und treu;
denkt nur an euch und lasst das andre unerwogen.
Wie oft hab' ich geliebt; doch hätt' auf keinen Fall
gegen des Louvre Schätze all',
gegen das Firmament und seinen Himmelsbogen
den Wald, die Stätten ich getauscht,
wo mir das Auge strahlt' und ich dem Schritt gelauscht
der Schäferin mit holden Mienen,
der unter Amors Fahnen dienen
ich durfte, treu der Pflicht und meinem ersten Eid.
Ach, kehrt sie nimmer mir zurück, die schöne Zeit?
Muss so viel holder Reiz und so viel Lieblichkeit
meinem unsteten Geist bereiten stete Plage?
Ach, wagte doch mein Herz noch einmal aufzulohn!
Soll nie ein Zauber mehr mich fesseln? Sind die Tage
der Liebe schon auf ewig mir entflohn?

ancre





W. Aractingy

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