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Die Schildkröte und die beiden Enten Livre X - Fable 2


Die Schildkröte, die etwas schwer war von Verstande,
ward, ihrer Wohnung satt, von Reiselust erfasst,
leicht macht zu viel man her vom fremden Lande,
leicht wird dem Hinkenden der Heimatort verhasst.

Zwei Enten, welche zu Vertrauten die Frau Gevatterin gemacht,
ließen manch freundlich Wort verlauten:
"Hast du den weiten Weg bedacht?
Willst nach Amerika nicht mit uns fliegen
und manche Republik zu sehen kriegen,
manch Königreich? Und Nutzen bringt dir's auch,
wenn du erfährst der Fremde Sitt' und Brauch.
Ulyß macht's ebenso." Wohl wundert's den und jenen,
hier den Ulysses zu erwähnen hören.

Gern geht die Schildkröt' darauf ein; nicht faul,
ersinnt das Vogelpaar einen Plan vor allen Dingen,
die Pilgerin vom Fleck zu bringen:
Sie legen einen Stab ihr quer durchs Maul.
"Halt fest", sagen sie ihr, "und hüt' dich loszulassen!"
An jedem Ende fasst den Stab 'ne Ente dann.
Wie nun die Schildkröt' fliegt, weiß man sich vor
Erstaunen kaum zu fassen.
"Schaut dort!" rief man, "die Königin vom Volke
der Schildkröten", sie schwebt in jener Wolke!
"Die Königin! Jawohl, ich bin's, schaut mich nur an
und spottet meiner nicht!" Sie hätt' viel besser dran getan,
zu schweigen und zu achten gut auf alles.
Wie sie das Maul auftut, lässt fahren sie den Stab;
sie fällt, und mausetot stürzt sie zur Erde ab.

Geschwätz'ge Eitelkeit war Ursach' ihres Falles.
Geschwätzigkeit und Eitelkeit und dumme Neugier
und dergleichen Torheit sind alle nah verwandt zusammen,
da sie von gleichen Ahnen stammen.

ancre





W. Aractingy

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