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Der Mensch und die Natter Livre X - Fable 1


Ein Mensch bekam einst eine Natter zu Gesichte
"Wart", rief er, "Nichtswürdige! Ich verrichte
sogleich ein nützlich Werk an dir!"
Nun ward das arge Tier
(ich spreche von der Schlange und nicht vom Menschen;
leicht könnt' man es missverstehn!)
die Schlange ward gefasst – es war gar bald geschehn -,
in einen Sack gesteckt und dann – es währt' nicht lange –
dem Tod geweiht, ganz gleich, ob schuldig oder nicht.

Indes, da grundlos nie der Mensch ein Urteil spricht,
doch richtet er an sie die Worte:
"Du bist des Undanks Bild! Wer je Nichtswürd'gen wohlgetan,
der ist ein Tor. Drum stirb! Dein Grimm soll und dein Zahn
mir nimmer Schaden tun."
Die Schlang' an ihrem Orte sagt ihm, so gut es geht:
"Sollten verurteilt sein in aller Welt die Undankbaren,
wem, frag' ich, könnte man verzeihn?
Dich selber klagst du an, dein eigenes Gebaren,
und deine Lehren sind mir Zeugen; blick um dich.
Mein Leben liegt in deinen Händen; nach Vergnügen,
nach Laun' und Vorteil magst du über mich verfügen;
nach diesem Recht verdamme mich!
Doch lass mich, eh' ich sterbe, wagen,
in allem Freimut dir zu sagen: Des Undanks Bild,
die Schlang' ist's nimmermehr es ist der Mensch."
Diese Worte, sehr gewichtig gesprochen,
ließen ihn erst schweigen, doch nachher spricht er:
"Was du da sagst, ist eitel, falsch und nichtig.
Mein ist das Recht, und die Entscheidung steht mir frei;
doch fragen andre wir." Die Schlange ist's zufrieden.

Sie rufen eine Kuh in ihrer Näh', die kommt herbei,
man trägt's ihr vor. "Die Sach' ist leicht entschieden,
wozu braucht ihr mein Urteil?" sagt die Kuh.
"Die Natter hat ganz recht. Was heuchelst du?
Ernähre ich dich nicht? Seit Jahren ist vergangen
kein Tag, an dem du nichts von mir empfangen.
Alles ist dein, die Milch und die Nachkommenschaft;
ich bin der Grund, dass deine Wirtschaft blüht;
wenn du vor Alter schwach und krank, geb neue Kraft
ich wieder dir; und ich bin stets bemüht zu tun,
was not dir tut und dir gefällt.
Nun bin ich alt; im Stall ohn' alles Futter stellst mich hin.
Ließest du mich nur noch zum Weidegange!
Doch bindest du mich an. Wäre mein Herr die Schlange,
könnt' wohl im Undank die, so frag' ich alle Welt,
noch weiter gehen? – Ich sprach so, wie ich dachte."

Der Mensch, den dieser Spruch betroffen machte,
sagt zu der Schlange: "Diese schwatzt uns Unsinn vor!
Sie ist eine Nörglerin, die den Verstand verlor.
Fragen den Ochsen wir." Sie zogen den Ochsen jetzt zu Rat.
Langsamen Schrittes einher kommt der und da er hin
und her erwogen den Fall, meint er: Der Jahre Joch trüg' er
für uns allein, die Last der Arbeit, drückend schwer,
den Kreis durchlaufend der Beschwerden,
durch welche uns geschenkt des Ackers Gaben werden,
den Tieren aber nur verkauft um hohen Preis.
Und dann als einzigen Beweis des Danks für alles dies
von allen, wie wir wären, viel Schläg' und wenig Heu.
Im Alter höhn' der Mensch ihn gar und mein', besonders ihn zu ehren,
wenn er mit seinem Blut der Götter Zorn versöhn'.
So sprach der Ochs', "Mag er doch schweigen",
erwidert drauf der Mensch, "der Langweiler, er kann
nur Worte machen, sich als großen Redner zeigen!
Anstatt zu richten, klagt er an! Auch ihn weis' ich zurück."

Nun ward der Baum von ihnen befragt; der sagt:
Als Schutz müss' er uns dienen, er sei's, der Sonne,
Sturm und Regen uns abhält.
Für uns allein schmück' er den Garten und das Feld;
nicht Schatten geb' er nur, fast breche seine Krone
unter der Früchte Last. Für alles dies zum Lohne
werde er gefällt. Dies sei der Dank, der ihm beschert
für das, was er im Jahr uns spend' an reicher Gabe:
Blüten im Lenz, im Herbst der Früchte süße Labe,
im Sommer Schatten, Holz im Winter für den Herd.
Warum könnt' man ihn nicht ohne die Axt beschneiden?
Bei seiner Lebenskraft wär' lang er noch gediehn.
Der Mensch sieht mit Verdruss, dass alles gegen ihn;
er will durchaus, für ihn soll sich der Streit entscheiden.
"Ich bin sehr gut", sagt er, "zu hören auf dieses Pack!"
Dann schlug er an die Wand das Tier im Sack,
so dass die Schlange musst' verrecken.

So ist es bei den Großen auch:
Gründe verletzen sie, da in dem Wahn sie stecken,
Menschen und Tiere, alles sei für sie nur zum Gebrauch.

Was tun, um da als Kluger sich zu zeigen?
Von weitem reden oder schweigen.

ancre





W. Aractingy

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